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Glückswege in der Wohlstandsgesellschaft: Glück durch Verzicht?
Ein Essay von Jeanette Bauer (K 13)

Siddharta Gautama, besser bekannt als Buddha, soll seine Erleuchtung nach der Aufnahme von Nahrung nach wochenlanger Askese gehabt haben. Zumindest habe ich das einmal gelesen. Findet auch jeder, der sich schon einmal durch die Brigitte-Diät gekämpft hat verständlich!
Aber liegt vielleicht hinter dieser Erleuchtung viel mehr als die einmalige Kalorienaufnahme? Das wochenlange Nicht-Essen zum Beispiel? Der prozentuale Anteil, den diese beiden Zustände, hungernd - essend an der Lebenszeit des kleinen zufriedenen Mannes mit dem dicken Bauch (da stellt sich übrigens die Frage: woher diese Wampe bei all der Askese?) haben, scheinen eindeutig für die nahrungsbezogene Enthaltsamkeit zu sprechen. Macht Verzicht also am Ende glücklich? Manche Menschen finden: Ja!
In einer Welt, in der wir im Glück geradezu ertrinken, der Kühlschrank im Winter kühlt und das Frühlingsstarkbier uns auch im Sommer schmeckt, kann ja nur etwas verkehrt sein. Sollen wir uns also von den Fesseln des Schlaraffenlandes befreien und anstatt immerzu nur zu genießen etwas anderes, etwas Sinnvolleres tun? Nichts z.B., oder, noch besser: verzichten! Sozusagen auf dem Maßstab des Konsums den Bereich des Negativen entdecken …! Wenn wir uns erst einmal losgesagt haben von der Gewohnheit uns „den Rachen mit Pfauenfedern [zu kitzeln], um die Lust der Völlerei durch künstliches Erbrechen zu verlängern“ (Wolf Schneider: „Das immer schneller steigende Anspruchsniveau") wird die Welt wieder gut. Welche Botschaft, welch Frohlocken: Verzichtet, verzichtet! Seine Majestät Breitbild-Fernseher hat sich wohl geirrt. Er kann uns noch so oft sein heiß geliebtes Mantra vorbeten: “Kaufen! Marsch, marsch!“ Die Zeiten, in denen wir uns von solch profanen Parolen leiten ließen sind vorbei. Revolution, es lebe die Askese!
Wie allerdings soll man es nun mit den Lottoscheinen halten? Glück durch Verzicht, schön und gut, aber wie anstellen bei dem Prinzip „Nur wer mitspielt kann gewinnen!“ Auch das Phänomen der turtelnden Pärchen wären wir ein für allemal los. Der für alle außenstehenden frustrierten Singles äußerst unangenehmen Verliebtheit wäre schnell ein Ende bereitet: Ratz, Fatz, wegverzichtet! So viel zu unserem Glück, ob die armen Liebeskranken mit dem Glück durch Verzicht so glücklich wären, bleibt eher fragwürdig. Und was ist mit dem größten Glück dieser Erde, das bekanntlich auf dem Rücken der Pferde liegt? Auch hier gibt’s keine Ausnahmen: auf Fury & Co müssen wir wohl zukünftig aus glückstechnischen Gründen ebenso verzichten.
Wenn wir dann mutterseelenallein mit unserem Glück, weil alles rigoros wegverzichtet wurde, in der Einöde sitzen, beginnen wir zu verstehen: Reduziert auf das angeblich essentiellste aller klammheimlichen Bedürfnisse des homo sapiens, den Verzicht, und diesen bis zur Perfektion ausgeführt wird uns klar, was wir insgeheim schon lange wussten: Der Mensch ist ein materieller Egoist, der obendrein nicht allein sein kann.