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Katharina Glaser aus Mainburg berichtet am GGM über ihre Zeit mit „weltwärts“ in Lateinamerika.

Katharina Glaser (Dritte von links) am Weihnachtsfest im Kreis einer befreundeten Familie, mit der sie zusammen im Projekthaus der Fundación „Estrellas en la calle“ gelebt hat



Gemäß dem Motto „Alle Theorie ist grau!“ hat am vergangenen Mittwoch eine ehemalige Schülerin des Gabelsberger-Gymnasiums, Katharina Glaser, über einen 8-monatigen Bolivienaufenthalt vor drei Geographiekursen der Oberstufe referiert. In einer professionellen Präsentation bot sie glaubwürdige Einblicke in die Lebensverhältnisse der Menschen Boliviens, vor allem aber in ihre Arbeit mit Straßenkindern, die sie im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit Deutschland-Bolivien geleistet hat.

Durch ein Rätsel zu Bolivien aus der Reserve gelockt, wurde den Schülern und ihren Lehrern schnell deutlich, dass ihre Kenntnisse über Bolivien sehr spärlich waren: Wer weiß schon, dass Sucre und nicht La Paz die Hauptstadt ist, und dass der riesige Flächenstaat mit Evo Morales Ayma seit 2006 den ersten indigenen Staats- und Regierungschef eines lateinamerikanischen Landes überhaupt stellt. Obwohl dieser als Vorsitzender der sozialistischen Partei Boliviens seitdem versucht das große, aus der Kolonialzeit ererbte Ungleichgewicht zwischen arm und reich auszugleichen und z.B. 2010 eine Lohnerhöhung für Geringverdiener, das sind vor Ort Menschen, die weniger als ca. 115 Euro im Monat verdienen, von 8% durchgesetzt hat, bleibt das Wohlstandsgefälle in Bolivien enorm. Dieses besteht zudem nicht nur zwischen einer schmalen Oberschicht und einer breiten Unterschicht, sondern auch in einem ausgeprägten Ost-West-Gegensatz: Die Hochlandregionen der Anden im Westen mit ihrer reliefbedingten, kleinparzellierten, traditionellen Selbstversorger-Landwirtschaft sind mittlerweile strukturell benachteiligt, in den tropischen Tieflandregionen des Ostens dagegen ist weltmarktorientierte Plantagenwirtschaft für z.B. Soja möglich. Hier liegen außerdem die üppigen Erdgasvorkommen Boliviens, die alleine 37% des Exportwertes des Landes ausmachen. Eine Abspaltung des reichen Ostens konnte zwar bisher verhindert werden, erhält aber auch durch die kulturellen Unterschiede zwischen den „Gambas“ im Osten und den „Kollas“ im Westen Nahrung, deren Verwurzelung z.B. in Sprache und Klima den Schülern von Frau Glaser sehr anschaulich erklärt wurde.
Wie aber kam sie selbst nach Bolivien und was hat sie dazu bewogen sich in der Entwicklungszusammenarbeit zu engagieren? Flankiert wurde ihr Einsatz vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, das mit dem Programm „weltwärts“ allen 18- bis 28-Jährigen die Möglichkeit bietet 8 bis 24 Monate „Entwicklungshilfe“ zu leisten. Ihre eigentliche Entsendeorganisation jedoch waren die „Steyler“, die es ihr durch hochqualifizierte Vorbereitung ermöglicht hatten, sich für den eingetragenen Verein „Sterne auf den Straßen Boliviens“ mit Sitz in Rosenheim zu engagieren und für die gleichnamigen Organisation in Bolivien zu arbeiten, die 2005 auf Initiative des bolivianischen Pädagogen Viktor Hugo Arellano und der deutschen Sozialarbeiterin Nicole Weiß gegründet wurde. Die gemeinnützige Stiftung „Estrellas en la calle“ hat ihren Sitz in der 600000-Einwohner-Stadt Cochabamba im andinen Hochland, dem Einsatzort Katharina Glasers, und kümmert sich dort v.a. um die Ärmsten der Armen, die Straßenkinder. Dieses typische Phänomen der Metropolen in Entwicklungsländern resultiert aus extremer Armut in der Unterschicht, wo oft bis zu 10-köpfige Familien in Hüttenvierteln am Stadtrand auf engstem Raum zusammenleben müssen. Und das bei einer notorischen Unterbeschäftigung der Männer, die häufig zu Alkohol- und Drogenexzessen und auch zu Gewalt gegenüber den Kindern führt. Doch auf der Straße sind die Kinder ebenfalls schutzlos der Gewalt, z.T. sogar durch Übergriffe von Seiten der Polizei, ausgesetzt, hinzu kommt der tägliche Überlebenskampf und die Perspektivlosigkeit hinsichtlich einer Wiedereingliederung in die Gesellschaft, da diese Kinder keinerlei Schul- und Ausbildung genießen. Hier setzt die Hilfe des multidisziplinären Teams von „Sterne auf den Straßen Boliviens“, das aus einem Sozialpädagogen, einem Psychologen und einem Pädagogen besteht, an: Auf Stadtteile bezogen und in einzelnen Projekten organisiert wird versucht zu verhindern, dass gefährdete Kinder zu Straßenkindern werden bzw. die Rückkehr zu den Familien und in die Gesellschaft dauerhaft gelingt. Im Projekt „Coyera“ z.B. wird nicht nur über die verheerenden gesundheitlichen Folgen der Straßendroge „Clefa“ („Klebstoffschnüffeln“) aufgeklärt, es werden auch konkrete Workshops angeboten, die den Kindern und Jugendlichen später eine Perspektive eröffnen sollen: z.B. Grundausbildungen im Metall-, Holz- oder Elektrohandwerk mit der Aussicht auf ein Stipendium für die besten Teilnehmer. Gefährdete Familien werden z.B. bei der Suche nach besserem Wohnraum unterstützt, für die schulfreien Zeiten werden Freizeitmöglichkeiten aus dem sportlichen und kulturellen Bereich angeboten, um den Kindern auch zu dieser Zeit Ausweichmöglichkeiten zur häuslichen Enge zu schaffen. Selbst als Arbeitgeber tritt die Organisation neuerdings auf, indem sie mehrere Ausbildungsplätze im Rahmen eines deutsch-bolivianischen Restaurantprojekts zur Verfügung stellt.
Besonders berührt hat Katharina das Schicksal der jungen Bolivianerin Carmen, die sie mit ihrer Arbeit unterstützt hat. Die Siebzehnjährige hat sich in einen achtzehnjährigen Straßenjungen verliebt, mit dem sie viel Zeit auf der Straße verbrachte und von dem sie bald darauf schwanger wurde. Durch gemeinsames Abwägen der Situation und Überlegungen, wie die Zukunft des Kindes aussehen könnte, beschlossen die beiden in ein Heim für Paare zu ziehen, damit ihr eigenes Kind nicht auf der Straße aufwachsen müsse. Aufgrund des „Clefas“, der starkes Abhängigkeitspotenzial besitzt, war es Carmens Freund jedoch nicht möglich den kalten, sehr schmerzhaften Entzug durchzustehen und kehrte deshalb zurück auf die Straße, was Carmen dazu bewog wieder zu ihrer Familie zu ziehen.
Frau Glaser selbst verstand ihr Engagement in erster Linie als „freiwilliges soziales Jahr“, in dem sie ihr bereits erworbenes Wissen des Psychologiestudiums einbringen konnte. Für sie war es ein besonderes Erlebnis zu sehen, wie die gemeinsame Arbeit mit dem Team von „Estrellas en la Calle“, oft die einzig stabile Anlaufstelle der Kids, die Möglichkeit bot, das Leben nach den eigenen Wünschen zu verändern. Doch was bewegt die Bundesregierung dazu diese Art der Entwicklungshilfe zu fördern? Käme nicht ein langfristiges Engagement ausgebildeter Fachleute günstiger als die Vorbereitung und Entsendung von jungen Erwachsenen, meist ohne fundierte Ausbildung und nur auf eine begrenzte Zeit? Diese Frage aus den Lerngruppen beantwortete Katharina mit dem Hinweis auf das neue Verständnis von „Entwicklungszusammenarbeit“ von Seiten der Bundesregierung: Der Begriff soll ausdrücken, dass gleichwertige Partner zusammenarbeiten um wechselseitig voneinander zu profitieren. Dazu jedoch sind authentische Einblicke in die Probleme des jeweils anderen Landes nötig. Bolivien verstehen aber heißt die Lebensbedingungen vor Ort erlebt zu haben. Ein Land, in dem die Ärmsten weniger als 2 Euro am Tag zur Verfügung haben; ein Betrag, den man bei uns für den Luxus von 100 Gramm Kartoffelchips zu zahlen bereit ist!

OStR Erwin Fiesel