| Liebe Eltern!
Sie sind dabei, Grundsteine für die weitere Ausbildung Ihres Kindes zu
legen. Selbstverständlich haben Sie vor allem die Zweckmäßigkeit für die Lebens- und
Berufspraxis im Auge und wollen Ihrem Kind sinnvolle Voraussetzungen für Studiengänge
und ein nützliches Grund- und Allgemeinwissen für etliche Berufszweige ermöglichen.
Bei Ihrer verantwortungsvollen Entscheidung für Ihr Kind möchte Ihnen die Fachschaft Latein
zur Seite stehen und Ihnen Gründe nennen, die für Latein als 2. Fremdsprache sprechen.
Eines wollen wir dabei ganz deutlich unterstreichen: Wir sehen uns nicht in Konkurrenz zum Französischen. Latein weiß sich eingebunden in den Fächerkanon des Gymnasiums. Pro Latein darf nicht contra Französisch bedeuten. Und in der Tat, wer sich in der 7. Klasse für Latein entscheidet, hält sich den neusprachlichen Zweig offen, d.h. die Wahl von Französisch in der 9. Jgst.. Nur gemeinsam mit allen anderen gymnasialen Fächern kann der Lateinunterricht einen unentbehrlichen und spezifischen Beitrag zur europäischen Bildung leisten. Das Wohl Ihres Kindes liegt uns
allen am Herzen!
Gründe, die für das Erlernen des Lateinischen sprechen:
Der praktische Nutzen
Das Latinum ist Zulassungsvoraussetzung für zahlreiche
Studienfächer wie (z.B.) Deutsch, Geschichte, Englisch, Französisch. Nützlich bis
erforderlich sind möglichst fundierte Lateinkenntnisse für zahlreiche weitere
Studiengänge wie (z.B.) Pharmazie, Medizin, Philosophie, Theologie, Rechtswissenschaften.
Der spätere Erwerb von Lateinkenntnissen bzw. des Latinums kann einen Zeitverlust an der
Universität von mindestens zwei Semestern bedeuten.
Gerade im Hinblick auf Europa nicht zu vergessen Osteuropa
und eine welt- weite Globalisierung gilt festzuhalten: Latein ist die "Muttersprache"
der romanischen Sprachen. Die Verwandtschaft der europäischen Sprachen liegt darin
begründet, dass die Mutter ihre Töchter nach wie vor ganz erheblich prägt. Latein
bildet deshalb noch heute ein solides Fundament, das den Zugang zum <Sprachen-Markt>
erleichtert, dem fast 600 Millionen Menschen angehören. Die Ursprungssprache, Latein zu
kennen, ist ein direkterer, natürlicherer und auch ökonomischerer Einstieg in das Lernen
einer Tochtersprache, als aus der Kenntnis einer Tochtersprache heraus eine zweite
Tochtersprache zu erlernen.
Auch die Betrachtung des Englisch-Wortschatzes bringt
Erstaunliches zutage. Je anspruchsvoller ein Text ist, umso höher ist der Prozentsatz
lateinisch-stämmiger Wörter. Je nach Textsorte sind bis zu 80% des englischen
Wortmaterials direkt oder indirekt aus dem Lateinischen übernommen.
Latein bietet in allen europäischen Sprachen eine hervorragende
Hilfe zum Verstehen von Lehn- und Fremdwörtern und ist weltweit der Grundstock
für die wissenschaftliche und technische Begriffswelt. Nicht nur in Medizin, Pharmazie
und Biologie ist Latein als Wissenschaftssprache eindrucksvoll präsent.
Latein fördert in besonderem Maße das muttersprachliche
Ausdrucksvermögen. Es legt großen Wert auf sprachliche Genauigkeit und Kreativität
und wirkt so gerade in unserer Zeit einer sprachlichen Verödung entgegen, die durch
übermäßigen Konsum von Comics, soap operas, Talkshows und Trivial-Spielfilmen
hervorgerufen wird.
Lateinschüler wissen, wie Sprache funktioniert. Weder in den
Naturwissenschaften noch in den Sozialwissenschaften begnügt man sich damit, Tatbestände
festzustellen, sondern man frägt ganz selbstverständlich nach den Gründen. Der
Lateinunterricht legt größten Wert auf die Grammatik als Rückgrat jeder Sprache.
Der Formenreichtum reduziert sich gewaltig, wenn man das Prinzip erkannt hat, das
Baukastenprinzip, ein synthetisches Verfahren, dessen Logik man schnell
durchschaut.
Latein als Zugang zu den geistigen Grundlagen der heutigen Welt
Wer Latein lernt, nimmt intensiv teil an der "klassischen
Bildung". Lateinische Literatur fördert das Geschichtsbewusstsein, weckt ein
Gespür für kulturelle Kontinuität und bietet Hilfen bei Erkenntnisprozessen und
Lösungsansätze für existentielle Probleme.
Der Schüler erhält Basiswissen über Geschichte und
Religion, Verfassung und Recht, griechische Mythologie und Philosophie, berühmte
Politiker und Heerführer auf der einen, Sklaven, Verfolgte und Nonkonformisten auf der
anderen Seite, Technik, Architektur, die Stellung der Frau in der römischen Gesellschaft,
das Freizeit- und Umweltverhalten, die Arbeitswelt und die Wirtschaft der Römer. Er
erfährt die griechisch-römische Antike als das geschichtliche und geistige Fundament,
auf dem Europa gründet.
Latein als aktuelles Gegenprogramm zum täglichen Medienkonsum
Durch seine Eigenart fordert und fördert Latein in besonderem Maße
Klarheit und Disziplin im Denken und folgende Arbeitshaltungen: Gründlichkeit und Ausdauer,
Detailgenauigkeit und den Blick für Zusammenhänge, Umsicht und Folgerichtigkeit
im Erarbeitungsprozess. Diese Arbeitshaltungen sind Schlüsselqualifikationen in
Wirtschaft, Technik, Wissenschaft, Verwaltung und akademischen Service-Berufen und
Stützen für die Mündigkeit und Selbstbestimmung des
einzelnen Menschen.
Genaues Hinschauen, aufmerksames, langsames Lesen und damit
gründliche und kritische Aufnahme von Informationen ist als Gegengewicht zur
unkritischen Berieselungsmentalität hochaktuell. Wir leben in einer komplizierten Welt
mit Technologien, bei denen Oberflächlichkeit, Schlamperei und Konzentrations- mangel
gefährliche Folgen haben können. Wir leben in einer Zeit so gewaltiger Umwälzungen,
dass wir alles daran setzen sollten, bei der heranwachsenden Generation problemlösendes
Denken, Abwägen von Alternativen, Kreativität und Frustrationstoleranz auch
angesichts größerer Herausforderungen zu trainieren. Das ist die Antwort auf die immer
wieder gestellte Frage nach dem gesellschaftlichen Nutzen einer Disziplin, die keinen
unmittelbaren Beitrag zur Produktions- und Arbeitswelt leistet.
Latein eine zeitgemäße Antwort auf die Herausforderung der
Neuen Medien
Der Umgang mit den Neuen Medien in unserer Zeit ist unumgänglich.
Die Arbeit am und mit dem PC ist Voraussetzung in allen Bereichen. Doch dies birgt, wie
jeder weiß, Gefahren in sich. Latein kann hier als Korrektiv unschätzbare Dienste
leisten.
Wer beim Übersetzen nur mal flüchtig hinschaut und gewissermaßen
auf den nächsten Schritt wartet, wird enttäuscht. Weiterzappen angesichts der drohenden
Anstrengung gibt es nicht; nur geduldige Lösungsversuche führen zum Ziel. Disziplin ist
gefordert, nicht Disziplinierung; keine Einübung in obrigkeitsstaatliches Denken, sondern
Selbstdisziplin und Selbstbehauptungswille gegenüber einer anspruchsvollen
Forderung. Behutsames Gegensteuern ist gefragt!
Wichtiger noch scheint, einer weiteren Versuchung durch die Neuen
Medien so rechtzeitig wie möglich entgegenzutreten: dem fatalen Eindruck der
Folgenlosigkeit des eigenen Tuns. Eine Plastik-Maus in meiner Hand gaukelt mir ungeheuren
Einfluss vor, wiegt mich in der Illusion, Zustände jederzeit verändern oder aufheben zu
können auch Zustände, die ich selbst geschaffen habe. In der realen Welt aber
muss ich mich arrangieren, mit anderen Menschen, die ich nicht per Mausklick aus meinem
Blickfeld entfernen kann. Ich muss mich den Folgen meines Tuns stellen. Latein ist da
unumstritten ein besonderes Korrektivangebot zum Mausklick-Effekt des Unverbindlichen
und Folgenlosen. Lernpausen, Durchhänger bei der Arbeits-haltung und Nachlässigkeit
werden ziemlich unmittelbar quittiert. Latein ist ein konsequentes Fach, insofern es rasch
Konsequenzen aufzeigt, im Positiven wie im Negativen. Latein wiegt nicht in falscher
Sicherheit, sondern zeigt Defizite in dem Augenblick auf, da sie sich zu erkennen geben.
Im Rahmen einer gesamteuropäischen Bildung ist die Entscheidung für
Latein keine Absage an das Erlernen moderner Fremdsprachen, sondern markiert vielmehr die
wertvolle Grundsteinlegung in die Sprach- und Kulturwelt im Europa von heute und morgen.
Wer also die Antike kennenlernt,
versteht die Gegenwart
und nimmt die Zukunft
in die Hand!
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